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über Farben:  erschienen bei www.xymara.com


Warum ist die Banane gelb?
 
Seit einigen Jahren gestaltet Ihr auch Schulbücher. Was unterscheidet diese Arbeit von anderen Euren anderen gestalterischen Aufgaben?
Zum einen ist ein Schulbuch im Unterschied zu einer Broschüre, einem Katalog, einer Corporate Website ein Produkt, das sich auf dem Markt bewähren muss. Zum anderen sind die Inhalte aufgrund der didaktischen Anforderungen vielschichtig und funktional komplex strukturiert. Es gibt selten nur ein Schulbuch, sondern meistens einen sogenannten Lehrwerksverbund aus bis zu 50 oder mehr Einzeltiteln. Unsere Aufgabe ist es, entlang der inhaltlichen Konzeption visuelle Konstanten zu entwickeln: für die Identifikation der Werke wie auch zur Differenzierung von Inhaltstypen.
 
Das muss Gestaltung für Anderes auch leisten ...
Schon, nur ist es beim Schulbuch ein bisschen anders: Als Bildungsinstrument bzw. -werkzeug des Lehrers muss es funktional und somit zur Unterstützung der didaktischen Konzeption angelegt sein, das Schulbuch muss dem bildungspolitischen Auftrag gerecht werden. Für den Schüler muss es ein Reservoir zur persönlichen Entwicklung sein. Beide Gruppen sollen das Buch sympathisch finden, um möglichst gerne und einfach möglichst viel erreichen zu können. Insofern ist das inhaltliche Qualitätsversprechen des Verlages auch unmittelbar mit dem visuellen Auftritt der Werke verknüpft.
 
Heisst schön bunt ein besseres Ergebnis bei der PISA-Studie?
So einfach ist es nicht. Lernen bleibt auch mit bunten Bildern eine Anstrengung für den Schüler. Im Gegenteil: Die seit der Vereinfachung von 4c Satz- und Drucktechnologie angewachsene Farb- und Bilderflut scheint uns eher kontraproduktiv: Buntes wird nur dann respektiert und als Inhalt ernst genommen, wenn die Farbe sinnvoll und kontrastierend eingesetzt wird. Macht man zu Vieles farbig und stimmt die Farben nicht verstehbar aufeinander ab, entsteht bunte Unruhe und in der Folge Unaufmerksamkeit. Gezielter Einsatz von Farbe hingegen lenkt den Blick und unterstütz die Memorierbarkeit. Beispielsweise bei Merksätzen oder ähnlichem. Das jeweils sinnvolle Mass zu finden erfordert sowohl beim Autor als auch beim Gestalter viel Disziplin, aber vor allem auch interdisziplinäres Interesse am Metier. Wir beobachten auch interessiert die Erkenntnisse der Hirnforschung über die Verarbeitung visueller Sinneseindrücke.
 
Was sind die neuesten Ergebnisse?
Dass Lernen, Verstehen und Memorieren durch die Gestaltung gefärdert oder behindert werden können, ist jedenfalls längst kein Geheimnis mehr. Ein gefälliges Cover allein macht noch keinen jahrelangen Bestseller.
 
Früher waren Schulbücher ja eher trocken. Inzwischen habe ich den Eindruck, dass viele überladen sind.
Die Pädagogik hat in den letzten fünf Jahrzehnten immer wieder Paradigmenwechsel erlebt und ein Stillstand ist nicht zu erwarten. Dem folgt auch die Visualität. Es werden viel mehr Bilder und Illustrationen eingesetzt. Zudem gilt es, die vielen verschiedenen Lernbausteine visuell zu differenzieren, z.B. den Autorentext vom Zitat und dieses von einem Infotext, der aus einem anderen Medium stammt.
 
Kommen wir zu den Farben: Die Bedeutungen sind ambivalent und von Moden abhängig. Wie verträgt sich das mit den langfristig laufenden Produktions- und Lebenszyklen? Welche Rolle spielen für Sie die Kriterien der Farbpsychologie?
Wir bezeichnen diese als weiche Faktoren. Je nach Kontext können gegenteilige Wirkungen und Interpretationen bewirkt werden. Denken Sie an die unterschiedlichen kulturellen, sozio- und ethnographischen, situativen sowie historischen Aspekte. Nicht zu vergessen die biographischen Prägungen, die zum "Geschmack" jedes einzelnen führen.
 
Haben Sie ein Beispiel?
Nehmen Sie z.B. Rot. Psychologisch wie kulturell wird es mit aktiven, aber auch mit agressiven Aspekten in Verbindung gebracht. Es ist die Lieblingsfarbe von mehr als einem Drittel der Westeuropäer, aber die wenigsten von Ihnen möchten rote Kleidung tragen oder in einem roten Zimmer leben. Für den Schüler ist rot im Klassenarbeitsheft u. U. alles andere als motivierend. Und ein Cover für ein Lehrbuch der Sprache eines ehemals sozialistischen Landes, russisch z. B., können Sie derzeit kaum in Rot gestalten. Dagegen sind wir bei einem Mathebuch in einem völlig anderen Konnotationsfeld.
 
Wieso nennen Sie solche Faktoren "weich", wenn die Farbe so wichtig ist?
Wir erleben durchaus, dass die Qualität eines Entwurfs beim Auftraggeber zuweilen sehr emotional zunächst nach dem Farbeindruck, nach geschmacklichen Vorlieben des Redaktionsteams beurteilt wird. Wenn jemand Grün nicht mag, dann hilft es sehr wenig, zu sagen, dass dies die Farbe der Hoffnung, der Zuversicht und Beruhigung ist. Aber nur nach solchen Kriterien wählen wir Farben auch nicht aus.
 
Wie machen Sie es dann, wie wählen Sie aus?
In der Regel schlagen wir ein System aus mehreren Farben vor, mit dem wir die identifizierenden Elemente des Titels sowie Piktogramme, Flächen oder Strukturen charakterisieren. Entscheidend sind dabei Proportionen und das Spiel mit Farbkontrasten sowie die Stimmung der Farbharmonie. Die einzelne Farbe kann unter Umständen variiert werden, solange die Farbsystematik ( z.B. funktionaler Einsatz für bestimmte Elemente ) und die Logik der Farbqualität der Farben ( z.B. Helligkeit oder Sättigung ) beibehalten wird. Alles zusammen bildet dann die Identität der Produktfamilie.
 
Was meinen Sie mit Produktfamilie?
Für eine Produktfamilie geht man von einzelnen Schulfächern und den unterschiedlichen Schularten aus. Eine Produktfamilie ist zum Beispiel eine Klassenstufenreihe von Mathematikbüchern für die Grundschule. Eine solche Produktfamilie wird vom Verlag für ein Fach und eine Schulart konzipiert. Das bedeutet, die Gestaltung eines Mathematikbuches für die Grundschule muss sich gestalterisch differenzieren vom bestehenden Markt- und Verlagssortiment. Innerhalb der Produktfamilie werden die Einzelwerke, wie Schülerbuch, Aufgabenheft, Lehrerbuch, zusätzliche Arbeitsmaterialien etc. differenziert weiter unterschieden - häufig über mehrere Klassenstufen hinweg. Weiter gibt es die Gliederung der Inhalte in Kapitel und die verschiedenen Seitentypen, abhängig von den didaktischen Lern- und Arbeitsformaten bzw. Aufgabentypen. Wir haben also mindestens 4 Ebenen der Differenzierungs- und Orientierungssystematik, die wir mit jeweils aufeinander abgestimmten Farbcodes voneinander unterscheiden müssen. Diese müssen für die Leserinnen und Leser begreifbar und unmissverständlich sein, damit sie durch die Bücher "navigieren" können. Sie haben dann schnell um die 15 oder mehr verschiedene Farben plus Helligkeitsabstufungen zusammen. Übrigens relativieren sich auf diese Weise die Geschmackspräferenzen einzelner wieder zugunsten einer stimmigen Gesamtkonzeption.
 
Heisst das, dass im Rahmen einer komplexen Gesamtkonzeption der persönliche Farbgeschmack gar nicht mehr zum Tragen kommt?
Ja, denn in diesem Fall ist der persönliche Farbgeschmack glücklicherweise entwicklungsfähig. Schauen Sie, was passieren würde, wenn dem nicht so wäre und wir alle Farbgeschmäcker gleichermassen berücksichtigen müssten. Einige Farben sind durch das Verlags-CD belegt; die Farben des Konkurrenzwerks sind zu berücksichtigen; einige Farbnen sind im schulischen Kontext mit bestimmten Funktionen verknüpft, etc. Kämen hier die Geschmackspräferenzen der einzelnen Teammitglieder noch einschränkend hinzu, dann wären wir farblich sehr einsilbig.
 
Was sind dann die "harten" Kriterien?
Ein prominenter solcher harter Faktor ist z. B.: die Rot-Grün-Sehschwäche von bis zu 1/5 der männlichen Schüler. Deshalb sollten lernrelevante Inhalte nicht in dieser Farbkombination erscheinen. Es gibt einige allgemeine Übereinkünfte für Lernformate wie z.B. die blauen und roten Rechenplättchen in der Grundschule. Daran können wir nichts ändern. Weitere harte Kriterien sind natürlich auch die physikalischen und neurologischen Gesetze der optischen Wahrnehmung, z.B. zu Kontrasten bei der Lesbarkeit von farbiger Schrift oder farbigen Piktogrammen vor farbigem Hintergrund. In vielen Fächern muss man zudem darauf achten, dass orientierende nicht mit den fachspezifischen Zeichen konkurrieren. Häufig empfehlen wir eine Reduktion oder Zusammenfassung der strukturierenden Elemente, besonders für höhere Klassen.
 
Gibt es einen Zusammenhang von Bildungsgrad und der Einsetzbarkeit von Farben?
Wir stellen fest, dass als Selbstverständlichkeit angenommen wird, dass mit abnehmendem Intelligenz- oder Entwicklungsgrad die Sütze kürzer, die Buchstaben grösser und eben die Farcodes grossflächiger, gesättigter und kontrastreicher sein müssen. Oder dass Grundschulkinder Farben nur dann unterscheiden können, wenn sie diese auch einfach benennen können. Letzteres erinnert uns ein wenig an die im 19. Jhd. erntshaft verfolgte Hypothese, dass die Augen der Alten Griechen physiologisch weniger weit entwickelt waren als die unsrigen heute, weil in der griechichen Literatur fast keine Farbworte vorkommen. Bis heute streiten sich die Linguisten, inwiefern kognitive Fähigkeiten unmittelbar und ausschliesslich von der Sprachfähigkeit bzw. der Wortvielfalt der Muttersprache abhängen.
 
Ist das nicht eher wieder ein "weicher" Bereich?
Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose - ein wunderbares bon mot. Rot ist rot ist rot hingegen lässt einen ratlos zurück. Welches rot? Ein bläuliches, ein gelbliches? Jeder normal farbsensible Mensch kann bis zu 1 Mio Farbtöne unterscheiden, aber in allen Sprachen der Welt stehen ihm neben hell und dunkel nur eine handvoll eigenständiger Farbworte wie blau oder grün zur Verfügung. Kinder lernen in der Lebensphase des intuitiven Erwerbs der Muttersprache täglich ca. 10 neue Worte, wären also durchaus in der Lage, viele Farbworte zu lernen. Testen Sie, wie leicht oder schwer es Ihnen fällt, Farbtöne eindeutig zu benennen: stellen Sie sich beispielsweise eine Bücherwand vor, oder einen vollen Früchtekorb. Seien Sie ohne Sorge: auch wenn Ihnen nicht sofort zu jedem Farbton ein passendes Wort einfällt, Sie nehmen ihn wahrscheinlich trotzdem wahr.
 
Erschwert dieser begrenzte Wortschatz die Kommunikation zwischen Lehrer und Schüler?
Offenbar, wenngleich wir hier von der Zwangsläufigkeit nicht überzeugt sind. Auf jeden Fall kann die Benennbarkeit von Farben auch die Memorierung beeinflussen. Testen Sie selbst (Link zu Farbtafeln). Die Kraft des Farbcodes schwindet schnell, wenn wir im zeitlichen Nacheinander Farbe mit Bedeutung assoziieren sollen. Für viele endet sie ganz, wenn die Farbe nicht als Wort, als Farbe eines Objekts oder einer Gestalt erinnert werden kann. Das ist allgemein ein wichtiger Aspekt, wenn Farbe für Orientierungssysteme eingesetzt wird.
 
In der Konsequenz hiesse das, dass Sie nur Farben verwenden dürfen, für die es auch ein Wort gibt?
Tatsächlich müssen wir uns damit auch auseinandersetzen. Wir hatten einmal rotviolett und lila in einer Reihe von 10 Kapitelfarben. Die Grün- und Blautöne sowie orange waren zur Differenzierung des Werkes und der Klassenstufen belegt. Also mussten die Kapitel ein kontrastiertes Spektrum ohne diese Farben erhalten. Schlussendlich mussten wir die gesamte Farbpalette neu entwickeln und konnten zwischen blau und rot nur lila einsetzen. Selbst wenn es die Worte gibt und die Farbwerte sich deutlich genug voneinander differenzieren kann es also für problematisch gehalten werden, ob diese auch von den Kindern eindeutig benannt werden können.
 
Haben Sie eine Lösung für das Sprachproblem?
Es gibt natürlich nicht die eine für alles gültige Lösung. Das wäre aber auch langweilig.
Bei jeder neuen Aufgabe liegt unsere Aufmerksamkeit im präzisen Zuordnen und Differenzieren der Farben zu den inhaltlichen und didaktischen Funktionen der Texte und Bilder. Darüber hinaus hegen wir die Hoffnung, dass sich die Lehrer darauf einlassen, sich selbst und die Schüler für Farben zu sensibilisieren, nicht zuletzt auch sprachlich. Ob man von hell- und dunkelrot spricht mag manchmal zur Verständigung genügen. Aber von erdbeer- und kirschrot zu sprechen ist in jedem Fall poetischer. Und plakativ könnte man sagen: was lila, violett oder purpur ist muss immer wieder neu entschieden werden.
 
 
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